{"id":382,"date":"2025-09-30T12:29:41","date_gmt":"2025-09-30T12:29:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.frauengeschichte-bruchsal.de\/?page_id=382"},"modified":"2025-09-30T12:29:41","modified_gmt":"2025-09-30T12:29:41","slug":"marianne-kirchgessner-1769-1808","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/rundgang\/marianne-kirchgessner-1769-1808\/","title":{"rendered":"Marianne Kirchgessner, 1769-1808."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Marianne Kirchgessner <\/strong><strong>geh\u00f6rte zu den bekanntesten Glasharmonikaspielerinnen ihrer Zeit.<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> Die fr\u00fch erblindete, europaweit reisende K\u00fcnstlerin begeisterte ihr Publikum. Als Ausnahme von der Regel steht sie am Anfang von Emanzipation und Aufkl\u00e4rung.<\/strong><a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 5. Juni 1769 kam Marianne Kirchgessner in Bruchsal auf die Welt.<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> Ihre Eltern musizierten selbst, die Mutter war eine Tochter des f\u00fcrstbisch\u00f6flichen W\u00fcrzburger Kapellmeisters Wa\u00dfmuth. Im Alter von vier Jahren erkrankte Marianne an schwarzen Blattern und erblindete. Unterst\u00fctzt durch den Speyerer Domkapitular von Beroldingen erhielt Marianne Unterricht bei einem bedeutendenden Virtuosen der Harmonika, dem Karlsruher Kapellmeister und Komponist Joseph Aloys Schmittbauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1791 ging Kirchgessner in Begleitung des Speyerer Musikverlegers Heinrich Philipp Bo\u00dfler und dessen Frau in ganz Europa auf Tour. Bo\u00dfler blieb bis zum Tode Marianne Kirchgessners ihr Konzertveranstalter und Reisebegleiter. Im ersten Jahr reiste sie \u00fcber Linz nach Wien. Angeregt durch den Besuch eines ihrer Konzerte soll Mozart sein Quintett f\u00fcr Glasharmonika, Fl\u00f6te, Oboe, Viola und Violoncello KV 617 f\u00fcr sie komponiert haben, das sie zeitlebens im Programm hatte. Auf ihren Reisen traf sie weitere Musiker und Komponisten wie Clementi, Fasch, Salieri, Naumann, Reichardt, Hoffmeister und Haydn. Ihre Virtuosit\u00e4t erstaunte, da die Glasharmonika bis dahin vor allem als ein Instrument f\u00fcr getragene Musik eingesetzt worden war.<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>1792 konzertierte Kirchgessner u.a. in Prag, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg und Magdeburg. Der Publizist und Schriftsteller Christian Friedrich Daniel Schubart berichtete: <em>&#8222;Ihr Spiel ist zum Bezaubern sch\u00f6n, es weckt nicht Traurigkeit, sondern sanftes, stilles Wonnegef\u00fchl, Ahnungen einer h\u00f6heren Harmonie, wie sie die guten Seelen in einer sch\u00f6nen Sommermondnacht durchzittern. Unter ihren Fingern reift der Glaston zu seiner vollen, sch\u00f6nen Zeitigung und stirbt so lieblich dahin wie Nachtigallenton, der mitternachts in einer sch\u00f6nen Gegend verhallt.&#8220;<\/em><a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> Von M\u00e4rz 1794 bis Herbst 1796 lebte sie als angesehene und erfolgreiche Glasharmonika-Virtuosin in London, wo sie Haydn kennenlernte. Weitere Stationen waren zwischen 1796 und 1800 Hamburg, Kopenhagen, Danzig, K\u00f6nigsberg und Petersburg. 1799 lie\u00df sie sich in der N\u00e4he von Leipzig nieder (Gohlis). Ab 1801 folgten kleinere Konzertreisen, u.a. nach Hannover und Frankfurt\/Main, Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien und Prag. Station machte sie auch in ihrer Heimatstadt Bruchsal.<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a> In ihrem letzten Lebensjahr spielte sie Goethe in Karlsbad auf der Harmonika vor. Ende des Jahres 1808 brach sie zu ihrer letzten Konzertreise in die Schweiz auf. Dort starb sie am 9. Dezember 1808 an einem Brustfieber, das sie sich bei einem Postkutschenunfall in einem Hohlweg zugezogen hatte. Anl\u00e4sslich ihres Todes komponierte der tschechische Komponist Wenzel Tomaschek die <em>Fantasie f\u00fcr die Harmonika am Grabe der um dieses Instrument so sehr verdienten Dlle Kirchgessner<\/em>.<a href=\"#_edn7\" id=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihrem Beruf nahm sie ein anstrengendes, kr\u00e4ftezehrendes Leben auf sich. Mit der untypischen T\u00e4tigkeit als professionelle Instrumentalistin war das Weiblichkeits-Ideal um 1800 nicht vereinbar. Frauen wurde eine den M\u00e4nnern gleiche Vernunft abgesprochen, gelehrte oder nach Selbstst\u00e4ndigkeit strebende Frauen als Blaustr\u00fcmpfe verunglimpft.<a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a> Nur wenige Frauen wurden um diese Jahre ber\u00fchmt. Kirchgessner mag geholfen haben, dass ihre Behinderung eine Schw\u00e4che zeigte, durch die sie nicht als bedrohliche Rivalin erschien. So konnte sie mit m\u00e4nnlicher Unterst\u00fctzung einen Schritt in Richtung Emanzipation und Aufkl\u00e4rung gehen \u2013 damals wie eingangs gesagt, als Ausnahme von der Regel<em>.<\/em><a href=\"#_edn9\" id=\"_ednref9\">[9]<\/a>Unter ihren Anh\u00e4ngerInnen finden sich bis heute Menschen mit Behinderungen,<a href=\"#_edn10\" id=\"_ednref10\">[10]<\/a> deren revolution\u00e4re Geschichte oft vergessen wird.<a href=\"#_edn11\" id=\"_ednref11\">[11]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Anja Herold: Marianne Kirchgessner, in Instrumentalistinnen-Lexikon, Sophie Drinker Institut, 2015, <a href=\"https:\/\/www.sophie-drinker-institut.de\/kirchgessner-marianne\">https:\/\/www.sophie-drinker-institut.de\/kirchgessner-marianne<\/a>: Oberkapellmeister Naumann, selbst Glasharmonikaspieler war, nannte sie \u201edie gr\u00f6\u00dfte Harmonikaspielerin der Zeit, welche alle Schwierigkeiten des Instruments auf das gl\u00fccklichste \u00fcberwunden habe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Melanie Unseld, \u201eMarianne Kirchgessner\u201c, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Pr\u00e4sentationen, hg. von Beatrix Borchard, Nina Noeske und Silke Wenzel, HfMT Hamburg, 2003ff. und HfM Weimar, 2022ff. Stand vom 6. M\u00e4rz 2018, online verf\u00fcgbar unter <a href=\"https:\/\/mugi.hfmt-hamburg.de\/receive\/mugi_person_00000423\">https:\/\/mugi.hfmt-hamburg.de\/receive\/mugi_person_00000423<\/a>, zuletzt abgerufen am 10. August 2025.Hermann Ullrich: Die blinde Glasharmonikavirtuosin Marianne Kirchgessner und Wien &#8211; eine K\u00fcnstlerin der empfindsamen Zeit, Tutzing 1971. J\u00f6rg Holzmann: Kirchgessner Marianne &#8211; Leipziger Frauenportr\u00e4ts, 2019. Anlass Symposium des musikwissenschaftlichen Instituts der Universit\u00e4t Leipzig und des B\u00fcrgervereins Gohlis zu Ehren Marianne Kirchgessners 250. Geburtstag am 27.10.2019.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Eintrag im Taufbuch der Hofpfarrei, in: Stefan Schumacher: Marianne Kirchgessner, BNN, 9.6.1999.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Stefan Schumacher: Marianne Kirchgessner, in Badische Heimat, Themenheft Bruchsal, S. 243 ff. Melanie Unseld, \u201eMarianne Kirchgessner\u201c, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Pr\u00e4sentationen, hg. von Beatrix Borchard, Nina Noeske und Silke Wenzel, HfMT Hamburg, 2003ff. und HfM Weimar, 2022ff. Stand vom 6. M\u00e4rz 2018, online verf\u00fcgbar unter <a><\/a><a href=\"https:\/\/mugi.hfmt-hamburg.de\/receive\/mugi_person_00000423\">https:\/\/mugi.hfmt-hamburg.de\/receive\/mugi_person_00000423<\/a>, zuletzt abgerufen am 15. August 2025<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Stuttgarter &#8222;Schw\u00e4bische Chronik&#8220;: Konzertkritik Christian Friedrich Daniel Schubart, 22.2.1792.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> Bruchsaler Wochenblatt, Dezember 1801, in. Werner Greder: Frauen gestern und heute-100 Jahre Frauengemeinschaft St. Paul, Bruchsal, 1995.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> Bruno Hoffmann: Ein Leben f\u00fcr die Glasharfe, Backnang, 1983, S.21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Harriet Merrow: Chauvinismus im Schafspelz. Ein Blick auf die Frauen der Aufkl\u00e4rung und wie sie uns bis heute pr\u00e4gen, Deutsches Historisches Museum, Blog, 6.3.2025. Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung, Stuttgart, 2011, S. 17f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Anja Herold, wie Anm. 1.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> Anneliese Mayer: Ber\u00fchmte behinderte Frauen. Marianne Kirchgessner, in: Zeitung des Projektes \u201ePolitische Interessenvertretung behinderter Frauen\u201c, Weibernetz e.V., April 2006<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> Betroffen \u2013 Alle, 20 Jahre Beirat f\u00fcr Menschen mit Behinderungen der Stadt Karlsruhe Schrift zum Jubil\u00e4um 2023.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttp:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/2025\/09\/30\/automatisch-gespeicherter-entwurf\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianne Kirchgessner geh\u00f6rte zu den bekanntesten Glasharmonikaspielerinnen ihrer Zeit.[1] Die fr\u00fch erblindete, europaweit reisende K\u00fcnstlerin begeisterte ihr Publikum. Als Ausnahme von der Regel steht sie am Anfang von Emanzipation und Aufkl\u00e4rung.[2] Am 5. Juni 1769 kam Marianne Kirchgessner in Bruchsal auf die Welt.[3] Ihre Eltern musizierten selbst, die Mutter war eine Tochter des f\u00fcrstbisch\u00f6flichen W\u00fcrzburger &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/rundgang\/marianne-kirchgessner-1769-1808\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMarianne Kirchgessner, 1769-1808.\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":12,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-382","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/382","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=382"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/382\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":383,"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/382\/revisions\/383"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frauengeschichte-bruchsal.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}