Anna Zeiser steht für die Frauen, die als erste in Bruchsal den Schritt in die Männerwelt der Politik wagten. Engagiert übernahm sie die Care-Arbeit im Vinzentiusverein.
Als Anna Maier wurde sie am 24. November 1861 in Hüfingen geboren. 1882 heiratete sie Franz Zeiser, Rechtsanwalt in Bruchsal. So kam sie nach Bruchsal in die Huttenstraße 21.
Das Ehepaar hatte 13 Kinder, zwei Töchter starben früh, ein Sohn fiel im Ersten Weltkrieg.
1897 gründete Stadtpfarrer Josef Kunz mit ihrer Mitwirkung den Vinzentiusverein.
Anna Zeiser wurde dessen erste Präsidentin. Sie blieb auch nach dem Tod ihres Mannes 1904 im Amt. Im Vinzentiusverein trug sie Verantwortung für das Funktionieren aller Abteilungen, die im Lauf der Jahre geschaffen wurden: eine Stellenvermittlung, ein Heim für „stellenlose und durchziehende Mädchen“, Koch-, Näh- und Bügelkurse und die Wöchnerinnenfürsorge.
In ihre Zuständigkeit im Vinzentiushaus fielen auch eine Schule, Wohnräume für Alleinstehende, eine Volksküche und zeitweilig eine Armenspeisung.
Bereits im 19. Jahrhundert wurden in vielen Orten Frauenvereine gegründet, die den Ausgangspunkt der organisierten Frauenbewegung bilden. Dazu gehört auch der Katholische Frauenbund, der am 16. November 1903 gegründet wurde, Vorsitzende war Emilie Hopmann. Zeitenweise arbeitete Anna Zeiser dort im Vorstand mit.
Während des Ersten Weltkriegs leitete Anna Zeiser die Fürsorgearbeit der Vereinigten Frauenvereine Bruchsals, durch die es Frauen auch ermöglicht wurde, die Arbeit der Männer zu übernehmen. Nach dem Krieg konnte den Frauen der Zugang zur Politik nicht mehr verwehrt werden. Am 30. November 1918 erhielten sie mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ (kurz Reichswahlgesetz) das aktive und passive Wahlrecht.
Anna Zeiser wurde 1919 die erste Stadträtin für die Zentrumspartei in Bruchsal; die erste Frau Rat. Sie war auch mit dem Rad unterwegs: die erste Radfahrerin in Bruchsal, wie sie selbst erzählt haben soll.[i]
Ihre soziale und caritative Tätigkeit setzte sie weiterhin fort. Sie unterstützte die Weiße Rose, den Süddeutschen Verband der katholischen Mädchenvereine und war in Kontakt mit Kardinal Faulhaber.[ii] Um Geld für ihre Aktivitäten zu beschaffen, organisierte sie Feste, Lotterien und Basare, z.B. 1930 die Winternothilfe. Als Frau und Zentrumspolitikerin konnte sie ab 1933 ihre Tätigkeit als Stadträtin nicht mehr fortsetzen.[iii]
Zeisers Nachlass im Stadtarchiv ist spärlich. Ein Brief von Johanna Straus hat sich erhalten, in dem eine große Wertschätzung von der jüdischen Bekannten, die in Frankreich überlebte, für die Familie Zeiser und „meine liebe Frau Rat Zeiser“ zum Ausdruck kommt. „Ein Stück Heimat für mich“ nannte Johanna Straus Anna Zeiser in dem Brief.[iv] Am 13. Mai 1947 starb Zeiser in Bruchsal.[v] Seit 2006 ist sie Teil des frauengeschichtlichen Stadtrundgangs, es gibt eine Erinnerungstafel in der Huttenstraße[vi] und im Baugebiet „Zwischen Klosterstraße und Hans-Thoma-Straße“ wurde 2007 eine Straße nach ihr benannt.[vii]
[i] Alois Siegel, Frau Rat Zeiser, in: Fritz Herzer (Hg.): Bruchsaler Heimatgeschichte 1955, S.244. AK Frauengeschichte: Anna Zeiser, in: Wenn wir stark sind… Gedenktafeln für Frauen aus Bruchsal, Bruchsal, 2009, S. 10/11.
[ii] Anna Zeiser wird von Kardinal Faulhaber als Friedensengel der Weißen Rose am 24.01.1927 erwähnt: „18.15 Uhr „die Friedensengel“ Anna Zeiser und Maria Reicherthammer (?), beide von der Weißen Rose, nicht der Weihnachtsengel von Frau Woerner, wollen Krippe anschauen.“ Besuchertagebücher des Kardinal Faulhaber (Projekt in Bearbeitung), Ifz München, 2025.
[iii] Schon ab 1933 wurden alle Parteien außer der NSDAP mit dem Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 verboten. Da die NSDAP Frauen das passive Wahlrecht entzog, waren ab der zweiten Reichstagswahl im November 1933 nur noch männliche NSDAP-Mitglieder wählbar. Auf kommunaler Ebene wurden missliebige Personen aus den Ämtern gedrängt und durch Nationalsozialisten ersetzt.
[iv] Schreiben Johanna Straus, ehem. Schlossstraße 3, Bruchsal, Linusstraße I, München, Amerikanische Zone, Februar 1947. Straus berichtet darin von der Ermordung ihrer Schwestern durch Vergasung. Sie überlebte wie durch ein Wunder in Frankreich und wurde von Tochter Else nach München geholt. Im Frühjahr werde sie mündlich mehr berichten. Nachlass Zeiser, NN1 Nr. 6, Stadtarchiv Bruchsal.
[v] Kommentar Pfarrer im Totenbuch: „Ein Engel des Wohltuns“, Florian Jung, Mail, 28.8.2025.
[vi] Arbeitskreis Frauengeschichte Bruchsal: Wenn wir stark sind … : Gedenktafeln für Frauen in Bruchsal, Bruchsal, 2009, S. 10 – 11.
[vii] Ruth Birkle: Frau oder gleich?, Bruchsal, 2013, S. 70.
