Amalie Struve kämpfte für die Ideale der Revolution von 1848 und trat mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit in Deutschland und Amerika für die Gleichberechtigung von Mann und Frau und für die Frauenbildung ein. Eine demokratische Ordnung, in der Frauenrechte Menschenrechte sind, war für sie untrennbar mit der Gleichberechtigung der Geschlechter verbunden.[1] Die schriftlichen Überlieferungen der Frauen der 48er-Bewegung – wie Amalies Erinnerungen – hinterließen Spuren, auf die die nachfolgende Frauenbewegung aufbauen konnte.[2]
Amalie Siegrist kam am 2. Oktober 1824 in Mannheim als Kind von Elisabeth Siegrist zur Welt, 1827 wurde sie von ihrem Stiefvater Friedrich Düsar adoptiert. Sie erhielt eine Ausbildung zur Sprachlehrerin.[3]Ab 1839 arbeitete sie als Lehrerin vorwiegend bei englischen Familien und 1844/45 als Erzieherin in Hattersheim bei Frankfurt/M.. 1845 lernte sie Gustav Struve kennen und heiratete ihn noch im November dieses Jahres.[4] 1846 wechselte das Ehepaar Struve von der protestantischen Kirche zur deutschkatholischen Gemeinde,[5] die im Gegensatz zu den Amtskirchen die revolutionäre Bewegung unterstützte.[6] Die freireligiöse Oppositionsbewegung vertrat die Überzeugung, dass sich der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft an der Stellung der Frau ablesen lasse.[7] Die Betätigungsmöglichkeiten für Frauen im freireligiösen, gleichberechtigten Gemeindeleben boten den Frauen eine ideale Plattform für den Beginn der Emanzipation.[8] Im freireligiösen Umfeld wurde Amalie zu einer engagierten Verfechterin republikanischer Ideen und zu einer der bekanntesten Akteurinnen der Aufstandsbewegung.[9] Sie übernahm die vegetarische (vegeta-bilische) Ernährungsweise ihres Mannes.[10] An seiner Seite wurde sie zur über-zeugten Mitstreiterin für eine Republik mit Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle.[11]
Von Anfang an begleitete sie ihren Mann auf seinen Reisen und lernte Revolutionär-Innen wie Friedrich Hecker und Franziska Anneke kennen.[12] Amalie war auch eine der wenigen Frauen, die 1847 auf der Galerie an der Versammlung im Salmen in Offenburg teilnahmen.[13] Mit Begeisterung warb sie für die Revolution auf der Straße.[14] Die Möglichkeit, im Namen von Freiheit und Gleichheit der traditionellen Frauenrolle zu entkommen, machte die Revolution für Frauen interessant.[15]
Doch bei weitem nicht alle Revolutionäre verstanden, welche Grenzen die Frauen überschritten und wie ungewohnt die neuen Rollen für sie waren. Amalie, die während der Kämpfe auch Munition und Waffen transportierte,[16] beklagte sich darüber, dass die Revolutionäre an den tradierten Geschlechterrollen festhielten.[17]
Im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der die Freiheit des Vaterlandes mit der Gleichstellung der Frau verband und den wichtigen Einsatz der Frauen für die Heilige Sache der Freiheit unterstützte.[18]
Am 24. September 1848 wurde Amalie zusammen mit ihrem Mann gefangen-genommen und kam bis zum 16. April 1849 ins Freiburger Gefängnis. Dort setzte sie sich couragiert und selbstbewusst gegen Verhörmethoden zur Wehr, ebenso gegen Verleumdungen in der konservativen Freiburger Zeitung.[19] Nach ihrer Freilassung nahm sie sofort wieder Kontakt mit dem demokratischen Volksverein auf, beteiligte sich an der Vorbereitung des Soldatenaufstandes im Mai 1849 und reiste am 13. Mai 1849 in Begleitung weiter nach Bruchsal. [20] Dort angekommen, setzte sie ihr Besuchsrecht bei ihrem Mann in der Weiberstrafanstalt durch.[21] Nachts erschien ein Haufe von Männern, erbrach die Thüren des Gefängnishofes und befreite die Gefangenen. Niemand wurde verletzt, die Wachen leisteten keinen Widerstand.[22] Frühmorgens reiste Amalie mit den befreiten Revolutionären nach Rastatt ab.[23]
Nach dem Scheitern der Revolution flohen Amalie und Gustav über Genf und London 1851 nach Amerika. Viele Anhängerinnen der Revolution blieben, oft mit Kindern, verarmt und gedemütigt in der Heimat zurück und wurden in die passiv-rechtlose Frauenrolle zurückgedrängt.[24]
In Amerika widmete sich Amalie ihrer schriftstellerischen und journalistischen Arbeit. In zahlreichen Artikeln in der von Gustav Struve 1851/52 in New York herausge-gebenen Zeitschrift „Deutscher Zuschauer“ und 1858/59 in „Sociale Republik“ beschäftigte sie sich mit der Gleichberechtigung der Frau, mit Bildungsfragen und mit Frauen der französischen und deutschen Revolution.[25] Ungeklärt sind ihre Verbin-dungen zur amerikanischen Frauenrechtsbewegung. Erkenntnisse über die von ihr 1858 mitgegründeten „Freie Deutsche Schule“ in New York fehlen ebenfalls.[26] Amalie Struve starb am 13. Februar 1862 in Stapleton (Staten Island, New York) nach der Geburt ihres dritten Kindes.
Die Bewertung der Revolution verlief bis heute kontrovers, ebenso die politische Verwendung. Der Nachlass der Revolutionärinnen jedoch, ihre Ideen zu Gleichstellung und Bildung der Frauen, waren und sind immer wieder Bezugspunkt für die Frauenemanzipationsbewegung. Den schreibenden Revolutionärinnen war schon während der Beteiligung an den revolutionären Ereignissen bewusst, wie grundsätzlich sie mit ihrem Engagement mit der Vergangenheit brachen.[27] Nur eine neue Gesellschaftsordnung würde ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Arrangieren mit der Restauration, Rückkehr oder gar Karriere unter den bestehenden Verhältnissen waren für sie undenkbar. Dieselbe Geisel, welche über Deutschland geschwungen wird, rafft auch ihre Opfer dahin in Ungarn, Polen und Italien. Der gleiche Geist herrscht überall. Er wird zu gleichen Taten führen. Dann werden die Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt in die Heimat zurückkehren, um noch einmal zu kämpfen und dann zu gründen das Paradies auf Erden, schrieb Amalie Struve unverzagt fest überzeugt 1850.[28] Ein Paradies für alle Lebewesen, auch für Frauen.[29]
[1] Freund, Marion, Struve, Amalie, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 601-602 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117349062.html#ndbcontent.
[2] Wolfgang M. Gall: Männer, Frauen und die Erinnerungskämpfe um 1848/49 in der zweiten Hälfte des „langen 19. Jahrhunderts“, S. 65-94, in: Senta Herkle/ Sabine Holtz/ Sylvia Schraut: Umkämpfte Erinnerungen im deutschen Südwesten, Stuttgart 2024, S. 81.
[3] Ursula Linnhoff: Zur Freiheit, oh, zur einzig wahren“, Frankfurt/M. 1983, S. 132.
[4] Sabine Liebig: 2. Oktober: Amalie Struve (1824–1862). Eine Badische Freiheitskämpferin, 30.09.2022. https://frauen-und-geschichte.de/website.php?id=denktag2209281234
[5] Sylvia Paletschek: Frauen und Dissens. Frauen im Deutschkatholizismus und in den freien Gemeinden, 1841–1852, Göttingen, 1990, S.54.
[6] Ebda, S.62f.
[7] Ebda, S. 155.
[8] Ebda, S. 178f.
[10] Amalie Struve: Erinnerungen aus den badischen Freiheitskämpfen. S.7. https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10021751?page=5&q=Erinnerungen. Jansen, Christian: Struve, Gustav, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 599-601 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118799207.html#ndbcontent.
[11] Peter Hank: Gustav Struve, Freiburg, 1998, S.21. Amalie Struve, wie Anm. 10, S. 160.
[12] Diana Ecker: Der Freiheit kurzer Sommer. Auf Mathilde Franziska Anneke Spuren durch die pfälzisch-badische Revolution von 1849, Heidelberg 2012, S. 64.
[13] Gall, wie Anm. 2, S. 72.
[14]„Während Struve mit den Männern beschäftigt war, hatte ich patriotische Frauen und Jungfrauen um mich versammelt, welche ich für die Sache der Freiheit zu begeistern suchte und mit welchen ich den Plan besprach, eine Schaar von Frauen und Jungfrauen zu bilden, welche dem Freiheitsheere folgen sollte, um ermuthigend und begeisternd auf dasselbe einzuwirken, und unter Leitung der Ärzte sich der Pflege der Verwundeten zu widmen.“ Amalie Struve, wie Anm. 10, S. 73.
[15] Kerstin Wolff: Frauen und die Revolution. 1848 als Frauenaufbruch, in APuZ 7–9/2023, S. 24- 38. Heidrun Pimpl, Ulrich Nieß, Frauen, Fahnen, Freiheit – Frauen in der 1848erRevolution, Marchivum Mannheim, 23.09.2024. https://www.marchivum.de/de/geschichte/blog/frauen-fahnen-freiheit-frauen-in-der-1848er-revolution.
[16] Gustav Struve: Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden, Bern 1849, S. 53. https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10021752?page=,1
[17] „Niemals empfand ich so tief die unwürdige Stellung, in welcher sich bis zum heutigen Tage das weibliche Geschlecht gegenüber dem männlichen befindet. […] Warum sollte die Gattin, welche die Gefahren des Gatten theilte, nicht auch Theil nehmen an seinen Arbeiten.“ Amalie Struve, wie Anm. 10, S.68/69.
[18] Gustav Struve schrieb „von den vielen wackeren badischen Frauen, (…) welche nicht zurückbebten vor den Gefahren, sondern dem Tode um dem Gefängniß mit Charakterfestigkeit und Ruhe entgegensahen“, in: Peter Hank, wie Anm. 11, S. 51.
[19] Amalie Struve, wie Anm. 10, S. 79.
[20] Gustav Struve, wie Anm. 16, S. 150.
[21] Amalie Struve, wie Anm. 10, S. 118-124.
[22] Gustav Struve, wie Anm. 16, S. 163/164.
[23] Amalie Struve, wie Anm. 10, S.126.
[24] Gall, wie Anm. 2, S.78/79.
[25] Monica Marcello-Müller (Hg.): Frauenrechte sind Menschenrechte, Schriften der Lehrerin, Revolutionärin und Literatin Amalie Struve: Frauenrechte sind Menschenrechte. Schriften der Lehrerin, Revolutionärin und Literatin Amalie Struve, Herbolzheim 2002.
[26] Freund, Marion, wie Anm. 1.
[27] Gall, wie Anm. 2, S.81-93.
[28] Amalie Struve, wie Anm. 10, S. 166.
[29] Ausdrücklich bezieht Amalie Struve die Tiere mit ein, Töten von Tieren lehnt sie ab, Amalie Struve, wie Anm. 10, S. 7-9.
